von Lia Petridou
„Ich erzähle euch mal einen Witz“, sagt Ferat Koçak, der Haustürkämpfer der Linken. „In irgendeinem Kontext habe ich mal das Wort ‚postmigrantisch‘ benutzt, und daraufhin hatte ich eine Anfrage ‚Bruder, ich arbeite bei der Post, bin ich jetzt postmigrantisch?‘“ Sprachbarrieren auflösen ist sicherlich eine fundamentale Aufgabe von Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Mitarbeitenden der Zivilgesellschaft, um Abläufe und Vorgänge verständlich zu machen. Inwieweit das beim ersten politischen ndo Salon 2025 gelungen ist, sei dahingestellt, aber das Panel traf sich im vollbesetzten Grünen Salon. Stühle mussten sogar dazu gestellt werden. Ein eindeutiger Beleg für den großen Gesprächsbedarf „Nach den Wahlen“, auch außerhalb der neuen deutschen und migrantischen Communities, aber insbesondere hier.
Journalistin Ebru Taşdemir moderierte die Diskussionsrunde, an der Saraya Gomis vom MigrationsRat Berlin, Prof. Dr. Naika Foroutan vom Deutschen Zentrum für Integrations-, und Migrationsforschung (DeZIM), Ferat Koçak (Die Linke), Filiz Polat (Bündnis 90/Die Grünen) und Orkan Özdemir (SPD) teilnahmen.
Der Mix aus Politik, Advocacy und Wissenschaft ermöglichte dann auch eine Herangehensweise, die die brisanten Themen weitestgehend selbstkritisch und reflektiert behandelte. Beispielsweise sollte es Menschen mit Migrationsgeschichte klar sein, dass es auch in den eigenen Reihen migrationsfeindliche und rassistische Muster und Erzählweisen gibt. Die Kunst besteht darin, diese zu benennen, ohne damit populistischen und extremistischen Menschenfeinden mehr Material für ihre vergifteten Diskurse zu liefern. Aber wie, wenn evidenzbasierte Kommunikation oftmals schlicht und einfach nicht mehr geglaubt wird, weil die eigene Bubble alternative Erzählungen bereithält, die der eigenen Ideologie näherstehen?
„Noch beziehen die meisten Menschen in Deutschland ihre Informationen über die Tagesschau“, weiß Naika Foroutan, eine objektivere, handwerklich sorgfältigere, journalistische Berichterstattung voraussetzend, als das beispielsweise ein stärker meinungsbasierender TikTok Kanal garantieren kann. Trotzdem: Die False Balance der Medienberichterstattung in Deutschland habe oftmals dabei geholfen rechte Diskurse zu normalisieren, so Foroutan. Bei der sogenannten False Balance handelt es sich um eine mediale Verzerrung, bei der wissenschaftliche Fakten und zum Teil abweichende Meinungen einander gleichwertig gegenübergestellt werden. Dadurch kommt es zu einer falschen Gewichtigkeit der Positionen, wodurch wiederum die öffentliche Meinung beeinflusst wird. Foroutan erklärte: „Die Menschengruppe, die Geflüchteten gegenüber wohlgesonnen war, war viel länger mehrheitlich stabil, als der fälschlich kolportierte „Mehrheitsdiskurs“ des „Wir schaffen es nicht.“
Ein weiterer wichtiger Diskussionspunkt: die Abwesenheit des Kümmererwahlkampfs und die Wiederentdeckung desselben durch den frisch gekürten Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak. Die Thematisierung von „Klassenkampf und Antirassismus“ habe bei den Wähler*innen in Neukölln voll eingeschlagen, so Koçak. „Ich bin im Wahlkampf direkt an die Haustüren gegangen und habe gefragt ‚Was würdest Du verändern, wenn Du Kanzler*in wärst?“ So habe er von den drängendsten Problemen der Menschen erfahren „und die waren übrigens die gleichen bei Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte“, erklärt Koçak. Mieten, Lebenshaltungskosten, Müll auf den Straßen und der öffentliche Nahverkehr sorgen Neuköllner*innen. Foroutan’s Replik: “Wir (Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen, Politiker*innen in und außerhalb der Communities) müssen uns angesichts verschiedenster und sich überschneidender Bedarfe überlegen, ob wir entlang der Achse Migrantisch-, Nicht-Migrantisch noch lange funktionieren.“ Soziale Frage 2.0.
Wir bei den ndo fiebern dem nächsten Salon entgegen!
“Der ndo Salon ist eine Veranstaltung des Kompetenzverbund für Vielfalt und Zusammenhalt : Chancengerechtigkeit in der pluralen Gesellschaft und wurde im Rahmen des Bundesprogramms “Demokratie leben!” vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.”